Neu bei laif: Aliona Kardash

Interview
Portrait einer Frau mit verschränkten Armen
Fotograf:in
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Wir freuen uns, Aliona Kardash als neue laif-Fotografin vorstellen zu können. Aliona hat Journalismus und Dokumentarfotografie in Tomsk (Sibirien) studiert. Seit 2019 ist sie Masterstudentin an der FH Dortmund und arbeitet nebenbei als freiberufliche Fotojournalistin für verschiedene nationale und internationale Medien.

Mehr über Aliona erfahrt ihr ab Montag, den 10. Juni 2024 auch auf Instagram. Eine Woche lang wird sie den laif-Account übernehmen und über ihre Arbeit berichten.

 

laif auf Instagram

 

Katja Kemnitz hat ein Interview mit ihr geführt:

Eine Frau an einem Gartentor
 

Du hattest letztes Jahr zur laif-Jahrestreffen 2023 dein Projekt »Zu Hause riecht es nach Rauch« vorgestellt und erwähnt, dass dir der Vortrag dazu nicht leicht fällt. War das, weil es so ein persönliches Projekt ist?

Ja, das ist einer der Gründe. Ich spreche in dem Projekt über sehr private Dinge und meine eigenen Sorgen. Es geht um den Ukraine-Krieg und damit verbunden um Meinungen und Konflikte innerhalb der Gesellschaft, aber auch innerhalb meiner Familie, die in Russland lebt.

Dieser Konflikt ist weiterhin anhaltend und es gibt darin sehr viele Parteien. Mir ist es extrem wichtig, dass all diese Meinungen und Menschen ernst genommen werden und ich an jede Seite denke. Auch deshalb war ich unsicher und habe mich gefragt, wie die Bilder vor unterschiedlichem Publikum wohl ankommen werden. Natürlich kannten meine Kolleg:innen vom DOCKS Collective und vom stern die Serie bereits. Aber der Vortrag bei laif war wie eine Generalprobe für mich. Es stand die große Frage im Raum, wie die Serie angenommen wird.

 

Wie haben die Kolleg:innen auf die Fotos reagiert?

Die Arbeit wurde von den Kolleg:innen extrem gut angenommen! Ich habe das in diesem Ausmaß ehrlich gesagt nicht erwartet und war von den Reaktionen komplett überwältigt. Viele kamen nach dem Vortrag zu mir und sagten, wie die Arbeit sie berührt und nachdenklich gemacht hat. Das war für mich auch ein Zeichen dafür, dass ich die richtige Intonation getroffen habe und mit meiner Geschichte etwas Wichtiges erzählen kann.

Eine Gruppe Menschen sitzt beisammen
Putin im Fernseher in einer Wohnung
 

Jetzt, ein Jahr später, kannst du sicher besser einschätzen, wie die Serie generell aufgenommen wird. Welche Perspektiven auf die Serie kennst du?

Am besten kenne ich die Seite von Russ:innen, die jetzt in Deutschland wohnen. Das ist ja auch meine eigene Perspektive. Es hat eine Zeit gebraucht, bis ich diese Perspektive akzeptiert habe. Ich bin keine Einwohnerin mehr von Tomsk. Mein Blickwinkel auf meine Heimat hat sich stark verändert.

Deshalb war es sehr wichtig, dass ich mir für meine Reisen nach Russland und die Bilder und Gespräche vor Ort sehr viel Zeit nehme. Die Leute fühlen sich nicht verstanden von den Leuten, die ausgewandert sind und noch weniger von den Leuten in Deutschland. Umso wichtiger ist es für mich, mit ihnen zu sprechen und ihnen meine Bilder zu zeigen. Wer örtlich weit weg von der Frontlinie und dem eigentlichen Konflikt ist, hat die Tendenz, Sachen zu verdrängen. Die Leute müssen ihr eigenes Leben irgendwie weiterleben. Wenn ich mit den Menschen in Russland über all diese Dinge spreche, über meine Sorgen und Fragen in Bezug auf meine Heimat, bringt das viel Reflexion, die im Alltag leicht vergessen wird, aber auf keinen Fall vergessen werden darf.

Frau in einem Demozug mit Ukraineflagge und Schild
 

In der Serie sieht man deine Familie und Orte, an denen du aufgewachsen bist. Ich stelle mir so einen persönlichen Bezug sehr schwer vor. Wie gehst du mit dem fehlenden Abstand um?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich in einer Fotoserie mit meiner eigenen Familie und Herkunft beschäftige. Mein erstes großes Projekt beschäftigte sich mit meiner Oma und wie sie im hohen Alter von 87 von einem kleinen Dorf in die Stadt gezogen ist. Ich habe sie bei dieser großen Veränderung begleitet und alles mit der Kamera dokumentiert.

Es ging dabei aber nicht einfach darum, dass ich über meine Oma berichte, sondern viel eher am Beispiel meiner Oma eine größere Geschichte erzähle. Wie kommt ein Mensch in so einem hohen Alter mit Veränderungen klar? Wie fühlt es sich an? Wie verbunden sind wir mit Orten, an denen wir gelebt haben? Meine Oma war nicht nur meine Oma, sondern zugleich auch eine Protagonistin. Ich war zeitgleich in verschiedenen Rollen: Enkelin und Fotografin. Diese Nähe und Distanz ist ein spannender Gegensatz. Es ist nicht einfach, aber sehr interessant und für mich als Künstlerin mittlerweile vielleicht sogar meine Methode geworden, um Dinge tiefergehend zu betrachten.

 

Es gibt eine sehr schöne Strecke von dir über Kneipen in Deutschland. Ich würde annehmen, hier fehlte dir ein starker persönlicher Bezug, dennoch ist sie sehr schön und nah fotografiert.

Diese Kneipengeschichte ist ein gutes Beispiel. Es war eine ganz andere Art von Arbeiten und ich habe viel Recherche gebraucht. Ich wohne erst seit fünf Jahren in Deutschland und diese Geschichte war für mich ein Weg, das Land besser kennenzulernen. Dafür wurde ich jeden Abend Teil einer neuen Gemeinschaft. Viele Kneipen sind klein und Stammgäste bilden eine geschlossene Gesellschaft. Ich war zunächst immer die Fremde. Das fand ich eine sehr schöne Herausforderung, denn meine Bilder sollten aussehen, als ob ich nicht da wäre. Beziehungsweise als wäre ich eben kein Fremdkörper, sondern auch Stammgast.

Mann raucht in einer Kneipe
 

Ich habe bei deinen Bildern generell das Gefühl, sie sind wie Standfotos, die Protagonist:innen befinden sich wie selbstverständlich auf ihren Plätzen. Wie machst du das?

Danke. [lacht] Bei den Kneipen hat es geholfen, erst einmal selbst ein Bier zu trinken und mit jemandem anzustoßen. Der Rest ist viel Neugierde und sich Zeit lassen; alle mit Respekt betrachten und interessiert sein.

 

Die Serie hat bereits den »Otto Steinert-Preis. DGPh-Förderpreis für Fotografie 2024« gewonnen. Und aktuell ist sie auch für den stern-Preis nominiert, richtig?

Ja, das ist sie. Ich habe sie auch für den stern gemacht.

Bauarbeiter vor einer Fußballwerbewand
Jugendliche stecken Blumen in einen Zugwagon
 

Du hast generell eine große Verbindung zum stern. 2022 hast du ein einjähriges Stipendium beim Magazin bekommen. Wie wichtig war das für dich und was hast du dabei gelernt?

Das Stipendium war extrem wichtig. Ich hatte in Tomsk bereits Fotojournalismus studiert, aber dadurch, dass ich erst 2019 nach Deutschland kam, musste ich sehr vieles neu beginnen. Ich musste neue Kontakte knüpfen, neue Menschen kennenlernen und mich selbst als Fotografin etablieren. Beim stern bekam ich viele Möglichkeiten, mit tollen Journalist:innen und Kolleg:innen aus der Bildredaktion gemeinsam an verschiedenen Geschichten zu arbeiten. Neben der Kneipengeschichte war ich unter anderem in Auschwitz, auf Kreuzfahrten und in Katar. Ich durfte mich auch bei Projekten ausprobieren, in denen ich wenig Expertise hatte und für die ich sonst nicht gebucht werden würde. Zum Beispiel habe ich die Vorsitzenden von RWE porträtiert. So viele Dinge, wie ich in diesem Jahr gemacht habe, könnte man als Selbstständige niemals schaffen.

 

 

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