Neu bei laif: Hanna Wiedemann

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Wir freuen uns, Hanna Wiedemann als neue laif-Fotografin vorstellen zu können. Hanna ist Fotografin aus Berlin mit Schwerpunkt auf porträt- und reportagebasiertem Storytelling.

Sie absolvierte 2017 die Ostkreuzschule für Fotografie und arbeitet im Auftrag für deutsche und internationale Medien, Kommunikationsagenturen und Unternehmenskunden. Häufig porträtiert sie Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

Jan van Aken sitzt auf einer Treppe
Yasmin Fahimi posiert auf einer Treppe
 

Was hat dich zur Fotografie gebracht? Und warum hast du dich auf Portraits und visuelles Storytelling spezialisiert?

Die Fotografie begleitet mich schon seit meiner Teenagerzeit. Über die Jahre bin ich in die Porträtfotografie hineingewachsen. Das ist eine sehr dialogische und kommunikative Arbeitsweise. Menschen in einem vereinbarten Rahmen für ein Porträt nahe zu kommen und auch über deren Selbstbild und öffentliche Performance ins Gespräch zu kommen, fasziniert mich. Ebenso wie die Nähe zum Zeitgeschehen, da ich zumeist vor Ort und in Berlin arbeite.

 

Was bedeutet „visuelles Storytelling“ für dich persönlich?

Ich arbeite porträtbasiert für publizistische Formate, ganz klassisch für Magazine und Wochenpresse, aber auch für NGOs, kulturelle Träger und Unternehmen. Je nach Format werden Geschichten vom Porträt ausgehend gerne ins Narrative verlängert, das beschreibt dieser Begriff für mich.

Schon im Studium habe ich mich außerdem in Abgrenzung zu dokumentarischen Langzeitprojekten für eine eher schnelle Arbeitsweise entschieden, die gut zu den realen Bedingungen in der Auftragsfotografie passt. Geschichten über Menschen mit Spezialwissen oder besonderen Fähigkeiten öffnen mir auch immer wieder Türen zu unvertrauten Räumen. Dann stehe ich plötzlich in der Brennkammer eines Kohlekraftwerks, in einem Hochsicherheitslabor oder im OP-Saal. Auch wenn diese Kontexte per se schon inhaltlich spannend sind, fokussiert sich meine Fotografie meist auf die Menschen, die mich dorthin begleiten, etwa weil sie dort arbeiten.

Mire Lee sitzt vor einem Kunstwerk
Julia Schoch sitzt im Grünen am Boden liegt ein Schlauch
Portrait Benedict Kuhn
 

Gibt es ein Projekt, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Projekte und Geschichten bleiben mir selbst und anderen auf vielfältige Weise in Erinnerung. In den 2010er Jahren habe ich in den USA eine kleine Cyborg-Subkultur begleitet, in der Menschen sich selbstgebaute Geräte implantieren – eine sehr körperliche Auseinandersetzung mit Technologie und Ethik. Offenbar habe ich dabei vor zehn Jahren einen Moment erwischt, in dem sich neue Entwicklungen in den Kinderschuhen und in sehr körperlicher Weise zeigten, denn viele Menschen erinnern sich an die Arbeit und ich werde heute noch darauf angesprochen.

Aber auch Auftragsveröffentlichungen hinterlassen Erinnerungen: Für DIE ZEIT habe ich bei der Deutschen Bahn mal eine Person begleitet, deren Job es ist, unter Analyse komplexer Daten in Echtzeit Züge in bestimmter Reihenfolge und Geschwindigkeit aufs Gleis zu setzen. Bahn-Chaos ist ja in Deutschland ein beliebtes Smalltalk-Thema – und so kam es, dass bei einem ganz anderen Termin zufällig über diese Geschichte gesprochen wurde und sich dann herausstellte, dass die Fotos von mir waren. Ich mag es, wenn Bilder medial so die Runde machen, dass sie zufällig wieder bei mir vorbeikommen, das sind schöne Momente.

Und dann gibt es die Porträtfotografie in der Politik: Hier spanne ich im Umfeld des schnelllebigen Betriebs einen Raum auf, in dem sich Politiker:innen für kurze Zeit nur auf das Porträtshooting und auf sich selbst konzentrieren können – ich habe also die Erlaubnis, einmal ganz kurz die Pause-Taste zu drücken. Am Rande dieser Termine bekomme ich aber viel Tagesgeschehen mit. Aus diesen Anekdoten bildet sich mit der Zeit eine zusätzliche Ebene zur medial vermittelten Zeitgeschichte.

Christoph Hein steht in einem Garten mit Blick auf einen See
Ferat Kocak schaut in die Kamera und hält seine Hand auf sein Herz
 

Gab es eine Person, deren bewusste Selbstinszenierung dich so fasziniert oder irritiert hat, dass du sie anders fotografieren musstest, als du ursprünglich geplant hattest?

Jede Begegnung bringt Überraschungen mit sich – das ist ein fester Bestandteil meiner Arbeit. Ich bereite meine Shootings sorgfältig vor und schaffe einen Rahmen für den Ablauf, der aber offen genug bleibt für spontane Wendungen.

Ein eindrückliches Erlebnis, das etwas aus der Reihe fällt, hatte ich im Herbst 2022 im Bundeswirtschaftsministerium. Nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine war die Sorge um die Sicherheit der Energieversorgung in Deutschland groß, das Haus und der Minister standen massiv unter Druck. Es war gar kein angesetzter Porträtjob, meine Aufgabe war es, die angespannte Stimmung im Ministerium zu erspüren und fotografisch zu illustrieren.

Dann bekam ich die Info, dass der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck zwischen zwei Terminen spontan kurz in seinem Büro vorbeikommen würde. Ich traf ihn im Flur des Ministeriums. Er rief mir zu, er müsse nur kurz etwas unterschreiben und habe nicht mal Zeit, in die Kamera zu schauen, aber ich könne kurz mitkommen. Ich hatte nur wenige Sekunden, um einen Blitz aufzustellen die Szene im Büro einzufangen, bevor er wieder weg war – genauer gesagt weniger als 30 Sekunden, wie ich später aus den Metadaten ablesen konnte. Obwohl das Treffen gar nicht vorab vereinbart war, entstand so letztlich ein passendes Bild dieser Wochen.

Robert Habeck an einem Laptop
Kabel am Boden eines Konferenzraums
Bundeswirtschaftsministerium
 

Wie reagierst du, wenn sich Menschen vor der Kamera unwohl fühlen oder sich stark kontrollieren wollen?

Mein Ziel ist es, Menschen vor der Kamera außerhalb ihrer Komfortzone so zu begleiten, dass sie sich als aktiver Teil des Porträtshootings begreifen und einbringen.

Bei vielen Aufträgen habe ich dafür nur wenige Minuten Zeit. Statt auf direkte Regieanweisungen zu setzen, gebe ich den meisten Protagonist:innen während des Fotografierens Feedback, wie eine Pose oder ein Blick auf mich wirkt. Diese dialogische Kommunikation kann Unsicherheiten schnell aufbrechen. Manche Menschen fangen dann an, spontan eigene Vorschläge zu machen. Dann kommt alles in Bewegung.

Außerdem dränge ich Menschen nicht dazu, bestimmte Posen einzunehmen. Wenn ich eine Idee habe, lege ich die Kamera gerne weg und demonstriere selbst, was ich meine. Und nehme sie erst dann wieder in die Hand, wenn die Person vor der Kamera signalisiert, dass es weiter gehen kann. Einverständnis im Sinne von Consent ist mir bei Porträts sehr wichtig.

 

Wie wichtig ist dir der Austausch mit Kolleg:innen? Was nimmst du aus Gesprächen mit?

Sehr wichtig! Im Kern ist dieser Beruf ja ein ziemliches Solo-Projekt, daher suche ich den Austausch mit Kolleg:innen um so mehr. Im Gespräch mit Fotograf:innen, die ähnlich arbeiten wie ich, stellen wir oft fest, dass wir ähnliche Erfahrungen machen. Ein gemeinsames Nachdenken über Herausforderungen unseres Jobs empfinde ich als sehr hilfreich. Viele Fotograf:innen, die ich kenne, ticken sehr kollegial und unterstützen sich gegenseitig, das ist toll.

Portrait Sarah-Lee Heinrich
Portrait Karien Prien
Portrait Dr. Emily Haber
 

Gibt es ein fotografisches Ziel oder einen Traum, den du dir in den nächsten Jahren erfüllen möchtest?

Bisher fotografiere ich immer on-Location, was mir auch großen Spaß macht. In letzter Zeit wünsche ich mir manchmal ein eigenes Studio, weil das noch einmal andere Formen von Kreativität und Konzentration ermöglichen würde.

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