Neu bei laif: Jens Gyarmaty

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Wir freuen uns den Fotografen Jens Gyarmaty zu vertreten.

Er lebt und arbeitet zwischen Berlin, Hamburg und Hannover. Er studierte Kulturwissenschaft in Berlin und Dokumentarfotografie in Hannover und Aarhus (Dänemark). Seine Arbeiten werden international veröffentlicht.

Auftraggeber sind Magazine, Zeitungen, Unternehmen und Stiftungen. In seiner freien Arbeit beschäftigt er sich mit dem Begriff Heimat und den Fragen nach Zugehörigkeit und Identität in Verbindung mit Technologie.

Lesen Sie unser Interview mit Jens am Ende dieses Beitrags. 

»Unabhängig davon, warum ich ein Portrait mache, bin ich am meisten beeindruckt, wenn die Person es schafft das »Foto-Ich« zu überwinden und das Portrait als intimen Raum zu verstehen.«

 

laif: Lieber Jens, wir freuen uns, dich als neues laif-Mitglied begrüßen zu dürfen. Du arbeitest hauptsächlich zwischen Berlin, Hamburg und Hannover für unterschiedliche Redaktionen, deren Aufträge Porträtshootings sind. Wer hat dich zuletzt am meisten beeindruckt?

 

Jens: Viele Menschen, die ich fotografiere sind in irgendeiner Form Akteuer:innen des aktuellen Zeitgeist und damit schon durch ihr Bild in der Öffentlichkeit für mich interessant. Andere stehen für eine Geschichte, und manche fotografiere ich einfach nur, weil sich die Wege kreuzen und ich mich verbunden fühle. Unabhängig davon, warum ich ein Portrait mache, bin ich am meisten beeindruckt, wenn die Person es schafft das „Foto-Ich“ zu überwinden und das Portrait als intimen Raum zu verstehen. Manche machen das intuitiv, manche muss man dorthin führen. Am Ende erfordert es viel Mut von beiden Seiten. Manchmal erfahre ich ein Geheimnis über die Person, manchmal die Person über mich, und meistens erfahren wir etwas neues über uns selbst. Das Ende dieses Prozess sind die entstandenen Bilder. Das ist der Deal. Manche gehen ihn ein und manche nicht. Wenn nicht ist es mehr nur Foto als Portrait.

 

laif: Du sagst, du legst Wert darauf, neben den Aufträgen auch freie Arbeiten zu realisieren. Seit langem interessieren dich die Themen Radikalisierung und Fanatismus als gesellschaftliche Umbruchkanten. Wie kann ein solches Projekt aussehen?

 

Jens: Meine Generation ist die letzte, die zumindest in ihren Kindheitserinnerungen eine Welt ohne Computern kennt. Seit Anfang der 10er Jahre versuche ich die Effekte von Digitalisierung zu verstehen.

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Wirkung virtueller Räume und den Folgen auf unsere Wahrnehmung. Die Analyse von Bildern spielt dabei eine wichtige Rolle. Ein Beispiel um dies zu verdeutlichen: Schon als Fotografie zum Massenmedium wurde, haben die Menschen ihre Rituale fotografiert. Hochzeiten, Familienfeiern, Urlaub. Fotografie um das Leben „festzuhalten“, um sich an wichtige Momente im Leben zu erinnern.

Durch die Möglichkeit grenzenloser Verbreitung erfüllen die gleichen Motive heute einen neuen Zweck. Wir fühlen uns verbunden. Während man sich am 24.12. morgens noch durch bunte Weihnachtsbäume und intime Wohnbereiche scrollt, hat der „Follower“ am Abend bereits Geflügel, Kartoffelsalat und Sektflöten an reich gedeckten Tischen vor Augen. Wir verbringen immer mehr Zeit in einer zweidimensionalen Bildlandschaft. Fotos werden zu Schnittstellen zwischen On -und Offline Welt.

Diese virtuelle Realität entlässt uns nicht mehr. Neben dem Gefühl von Zugehörigkeit, Liebe und Frieden können Bilder auch das Gegenteil verstärken. Ausgrenzung, Angst, Wut und Hass. Gewaltbilder werden „produziert“, über das Netz verbreitet und als Propaganda in Echtzeit eingesetzt. Im Extremfall gehören dazu Terrorakte genauso wie die Zuspitzung politischer Ereignisse, radikaler Aktionen oder die Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Bilder emotionalisieren und manipulieren. Wie ein Projekt zu diesen Themen aussehen kann? Ich denke, dass es wichtig ist die Frage aufzuwerfen, wem Radikalisierung und Fanatismus nutzen und gleichzeitig die Wirkung der Bildern zu verstehen.

Ich beschäftige mich mit dem rechtsradikalen Anschlag in Halle und seinen Folgen. Der Attentäter spricht vor Gericht von den Bildern als Waffe. Die Tat wurde live gestreamt. Er inszeniert sie aus der Perspektive eines Egoshooters. Damit nicht die Bilder des Täters die Erinnerung dominieren, begleite ich die Veränderung des Anschlagortes und versuche ein selbstbestimmtes Narrativ mit den Betroffenen zu schaffen. Gleichzeitig betrachte ich den Umgang von Medien und Politik und deren Umgang mit Bild und Wirklichkeit. Wie kam es dazu, was bleibt? Rechte Ideologien vermitteln ein Menschenbild, dass schon früher dazu führte, dass die Synagogen brannten. Heute verläuft die gesellschaftliche Umbruchkante wieder an der Stelle.

 

 

 

laif: Warum ist dir eine Agenturvertretung wichtig?

 

Jens: Ich möchte viel Zeit haben zum Fotografieren. Ich werde gebucht für Portraits und Reportagen. Dafür bin ich gerne und viel unterwegs. Meine Energie läuft in die Auseinandersetzung mit den Themen und den Umgang mit den Menschen. Um mich ganz darauf einlassen zu können, möchte ich die Vermarktung und kommerzielle Nutzung meiner Bilder den Profis überlassen.

 

laif: Wie verliert man eigentlich nicht die Lust am Fotografieren?

 

Jens: Das weiß ich nicht, weil es mir noch nicht passiert ist. Fotografie ist für mich ein Weg, mich mit der Welt zu verbinden und das Leben besser zu verstehen.

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