Neu bei laif: Jonas Wresch

Interview
Hochwertiges Portrait eines jungen Mannes mit braunen Haaren und freundlichem Blick in professioneller Fotografie.
Fotograf:in
Interview
Kategorien
News
Wir freuen uns, Jonas Wresch als neuen laif-Fotografen vorstellen zu können. Wresch, geboren 1988, hat Fotojournalismus und Dokumentarfotografie in Hannover studiert.

Danach erhielt er das Stipendium „Junge Fotografie“ des STERN und hat für das Magazin seitdem zahlreiche Reportagen weltweit fotografiert. Mit dem Außenminister reiste er in den Irak, für Die Zeit hat er im Dschungel Kolumbiens Rebellen porträtiert, für GEO begleitete er Seenotretter bei ihren Einsätzen in der Nordsee.

 
Jonas, du hast im Dschungel Kolumbiens Rebellen porträtiert, Seenotretter bei ihren Einsätzen begleitet und auf illegalen Müllhalden in Deutschland fotografiert. Gab es je eine Reportage, bei der du gezweifelt hast?
Polizei im Einsatz vor einem Gebäude, Blick aus dem Fahrzeug Fenster, kämpferisch, sicherheitsrelevant.
Abfall an der Wand mit Graffiti, Müllsäcke und Recyclingbox, urbanes Umweltthema, Nachhaltigkeit, Kreative Street Art.

 

Ja, als ich vom Stern beauftragt wurde, die Folgen des Amoklaufs im Olympiazentrum in München zu fotografieren, war ich zunächst unsicher. Auf der Zugfahrt kamen mir Begriffe wie „Witwenschüttler“ oder „Paparazzi“ in den Kopf. Ich hatte schon häufig über das Leid von Hinterbliebenen berichtet, aber meistens an Orten, wo ich der einzige Reporter war. In Deutschland würde ich nur einer von dutzenden Fotografen sein und war besorgt, die trauernden Familien durch meine Anwesenheit unnötig zu belasten.

Vor Ort stellte sich dann heraus, dass bei dem Amoklauf überwiegend Jugendliche und Erwachsene mit Migrationshintergrund ums Leben gekommen waren. Für viele dieser Familien war es besonders wichtig, vom Rest der deutschen Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Während einige Familien wie befürchtet keine Journalisten empfangen wollten, waren andere wiederum sehr dankbar, dass über ihr Schicksal berichtet wurde und sie ihre Trauer teilen konnten.

Je weniger über ein Thema berichtet wird, desto stärker spüre ich, am richtigen Ort zu sein. Besonders in schwer zugänglichen Regionen oder verschlossenen Gemeinschaften ist es wichtig, hinzufahren und die Geschichten der Betroffenen sichtbar zu machen.

Liebe in der Öffentlichkeit, Paar umarmt sich, romantisches Moment, draußen, verliebtes Paar, natur, Menschenmenge.
Emotionale Familienberatung, Gruppentherapie, psychologische Unterstützung, Konfliktlösung, professionelle Beratung in Deutschland.
 
Du sprichst von ‚wir‘, wenn du über deine Reportagen erzählst. Wie wichtig ist dir die Zusammenarbeit im Team, mit Autor:innen, Redaktionen oder lokalen Kontakten für das Gelingen einer Geschichte?

Am liebsten arbeite ich an Geschichten, die in kleinen Gemeinschaften stattfinden. Das kann das Team einer Intensivstation sein, eine Gruppe von Ureinwohnern im Konfliktgebiet oder ein Dauercampingplatz im Winter. Um dort zu fotografieren, brauche ich die volle Unterstützung der Menschen vor Ort. Sie müssen genau verstehen, was ich tue, ohne ihre Akzeptanz und Unterstützung wäre es unmöglich, dort zu arbeiten.

Auch die Teamarbeit mit schreibenden Kolleg:innen schätze ich sehr. Vor Ort kann man sich über Probleme oder Sicherheitsfragen austauschen und gemeinsam die Geschichte erschließen. Häufig ergeben sich aus den Interviews wieder ganz neue Bildideen oder ich höre beim Fotografieren noch genau das fehlende Zitat.

Hover helicopter fliegt über Reisfeld mit Menschen.
Schutzsucher in Naturreservat mit traditionellen indigener Kleidung und Zelt im Regenwald.
 
Kannst du ein Beispiel nennen, bei dem dieses Zusammenspiel besonders gut funktioniert hat?

Über fünf Jahre lang habe ich mit Jan-Christoph Wiechmann, dem Lateinamerika-Experten des Stern, an unserer Geschichte über den unbewaffneten Widerstand der Ureinwohner im Dorf Toribio in Kolumbien gearbeitet. Bei einer der letzten Reisen kam er extra aus New York, ich hatte nach einem Auftrag in Nicaragua einen Zwischenstopp auf dem Heimweg eingeplant. Auf dem Weg in die Region bekamen wir schlechte Neuigkeiten: Die Guerillagruppe ELN kündigte einen bewaffneten Streik an, bei dem sie das Dorf in drei Tagen blockieren wollten.

Wir mussten abwägen, sollen wir wenigstens für zwei Tage recherchieren oder war unsere weite Anreise umsonst. Wir schauten uns die Lage genau an und entschieden uns für die Umkehr, auch wenn das eine schwierige Entscheidung war. Diese kritischen Momente gemeinsam zu analysieren und nicht völlig auf sich selbst gestellt zu sein, ist ungemein wertvoll. Unser Protagonist, Edgar Tumiña, den wir während dieser Zeit begleiteten, wurde dieses Jahr wegen seiner Arbeit ermordet. Gemeinsam mit Jan initiierten wir eine Spendenkampagne für seine hinterbliebene Familie, ebenfalls ein Resultat unserer Zusammenarbeit.

1. Junge Klettert am Cerro Torre in Argentinien, Bergsteigerabenteuer in den Anden.
Bilder von Armut und Zerstörung in einer ländlichen Region in Peru, Kinder spielen zwischen Trümmern.
 
Wie gehst du persönlich mit den emotionalen Belastungen um, die solche Einsätze mit sich bringen?

In meiner Arbeit geht es selten um die reine Gewalt, sondern vielmehr um den alltäglichen Umgang von Personen oder einer Gesellschaft mit dieser Gewalt. Was mich wirklich interessiert, ist die Fähigkeit der Menschen, resilient gegenüber Schicksalsschlägen zu sein. Besonders in den schwierigsten Momenten finde ich ein hohes Maß an Menschlichkeit und Mitgefühl. Wenn ich zuhause nur eine Nachricht über ein Ereignis lese, fehlen mir diese Nuancen häufig. Das ist für mich oft schwerer zu ertragen als selbst vor Ort zu sein. Es benötigt ein wenig Optimismus, aber ich versuche die vielen positiven Erlebnisse, die ich mit den Menschen habe, in den Vordergrund zu stellen.

 
Du fotografierst neben Reportagen auch Portraits für Magazine. Sind diese für dich ein Ausgleich zum Reportage-Alltag oder vor allem ein Auftrag, bei dem du deinen Lebensunterhalt verdienst?

Für mich schließen sich Reportagefotografie und Portraits keineswegs aus. Portraits sind ein wichtiger Bestandteil meiner Reportagen. Sowohl bei Aufträgen als auch bei freien Arbeiten sind sie für mich ein zusätzliches Mittel, um visuell zu erzählen. Gerade weil der Platz in Magazinen und Zeitschriften immer knapper wird und Geschichten oft sehr kompakt dargestellt werden müssen, bieten Portraits einen starken emotionalen Bezugspunkt, der Leser:innen unmittelbar anspricht.

1. Soldatentraining in der Militärhalle mit Deutschland-Flaggen, Fitness und Kampftechnik.
Sneak Peek: Soldat betritt Camp Office, umgeben von Rosen, auf dem sauberen Weg.
 
Du gehst also an jedes Portrait gleich heran? Egal ob es ein Aktivist im Dschungel oder ein Arzt in Hamburg ist?

Nein, nur meine grundsätzliche Einstellung bleibt gleich: Ich begegne Menschen und versuche, in dem Portrait etwas über die Person zu erzählen. Dabei stehen mir in einer Klinik in Hamburg oder im Dschungel in Kolumbien ähnliche Mittel zur Verfügung: Gesichtsausdruck, Licht und Hintergrund, Pose und Perspektive. Aber die Geschichte, die ich in den Portraits erzähle, ist natürlich eine ganz andere. Dadurch werden auch völlig andere Fotos entstehen. Ich bin kein großer Fan davon, jedem Thema exakt denselben Stil aufzudrücken. Ob ich einen Menschenrechtsaktivisten fotografiere, der Todesdrohungen erhält oder einen erfolgreichen Chirurgen in Hamburg, muss man im Foto auch sehen und spüren können. Nur dann ist es für mich ein wirklich gutes Foto.

teilen
LinkedIn